Bekenntnisse einer schönen Seele

Im Roman von Johann Wolfgang von Goethe „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96) ist das 6. Buch „Bekenntnisse einer schönen Seele“

 

Resilienzfaktor: Religiosität (9)

 

Die „schöne Seele“ ist der spirituelle und religiöse Gegenpart zu Wilhelm Meister. Dieser staunt über die „Reinheit“ ihres Daseins sowie die „Unmöglichkeit, etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung nicht harmonisch war“ (Goethe, GW 7, 518). Natalie, die Nichte der „schönen Seele“, beschreibt sie mit folgenden Worten:

  • Eine sehr schwache Gesundheit, vielleicht zuviel Beschäftigung mit sich selbst und dabei eine sittliche und religiöse Ängstlichkeit ließen sie das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umständen hätte werden können. Sie war ein Licht, das nur wenigen Freunden und mir besonders leuchtete (Goethe, GW 7, 517). Dem Arzt, der die schöne Seele behandelt, gilt die Religion als „Heilmittel für kranke Seelen“ (Schößler, 121).

Das sechste Buch und seine Aufzeichnungen der „schönen Seele“ wirken im Roman wie ein Fremdkörper. In Wilhelm Meisters Lehrjahre muten sie wie eingeschoben an und bleiben für die Romanhandlung von geringer Bedeutung. Im Zuge einer Resilienz-Strategie aber erhalten sie Sinn, weil sich darin ein Weg der Innenschau und des bedingungslosen Subjektivismus spiegelt, der als weiterer Aspekt für Wilhelms Planspiel gelten kann. Lebensbeschreibungen werden als lebensfeindlich empfunden, weil das darin beschriebene Leben als solches negativ beurteilt wird. Die „schöne Seele“ zieht sich auf ihre subjektiven religiösen Erlebnisse zurück, sie ist weder tätig noch nimmt sie am Gemeinschaftsleben teil. Die Aufzeichnungen verkörpern die programmatische Botschaft des Romans, ohne sie jedoch adäquat ausleben zu können:

  • „Daß ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe [...]“ (Goethe, GW 7, 420).

Ihr „vorwärts“ ist ein hin zu „Gott“, zur Reinheit der Seele, zur Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie zielt auf eine spirituelle Ebene, die sich vom Alltagsdasein entfernt. Jedenfalls spielt Religiosität (9) eine zentrale Rolle. Ihre Lebenseinstellung, die in der Selbstprüfung im Sinne einer Selbsterforschung des Innenlebens besteht, ist für das Leben der „schönen Seele“ so zu fassen:

  • Daß ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe, daß meine Handlungen immer mehr der Idee ähnlich werden, die ich mir von der Vollkommenheit gemacht habe, daß ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das zu tun, was ich für recht halte, selbst bei der Schwäche meines Körpers, der mir so manchen Dienst versagt; läßt sich das alles aus der menschlichen Natur, deren Verderben ich so tief eingesehen habe, erklären? Für mich nun einmal nicht. Ich erinnere mich kaum eines Gebotes; nichts erscheint mir in Gestalt eines Gesetzes; es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht führet; ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß sowenig von Einschränkung als von Reue. Gott sei Dank, daß ich erkenne, wem ich dieses Glück schuldig bin und daß ich an diese Vorzüge nur mit Demut denken darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein eignes Können und Vermögen stolz zu werden, da ich so deutlich erkannt habe, welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen, wenn eine höhere Kraft uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne (Goethe, GW 7, 420).

Ihre Religiosität lässt erkennen, dass sie Teil eines „Planes“ und ihr Lebensweg „vorwärts“ ausgerichtet ist. Ihre Erdenschwere, ihre Körperlichkeit wird durch „Leichtigkeit“ kompensiert. Die Tatsache, dass der Körper „so manchen Dienst versagt“, ist Teil eines (göttlichen) Plans zur „Vervollkommnung“. Sie fühlt sich von einer „höheren Kraft“ geborgen und getragen (9).

 

In Resilienzfaktoren ausgedrückt, ergibt dies eine ausgeprägte Kontrollüberzeugung (6) und Selbstwirksamkeitserwartung (4). Die Resilienzstrategie liegt in der konsequenten Verwirklichung der eigenen Religiosität (9) als signifikanter Teil des Copingprozesses (10). Letzterer wirkt bei ihr umgekehrt, denn Widerstände erfährt sie nicht mehr im Leben, sondern nur noch in der Bedrohung des selbst gewählten Weges durch das Leben. Resilienz gegenüber Widerständen, um ein harmonisches Leben zu führen, ist somit keine eigentliche Strategie mehr, sondern eine eher kontraproduktive Folge einer ausgeprägten Religiositätssucht. Das Lebendige wird als Bedrohung der eigenen Überzeugungen gesehen, was nicht im Sinne von Resilienz sein kann.

 

Festzuhalten bleibt, dass die „schöne Seele“ in einer spirituellen Welt unterwegs und in ihrem eigenen Selbstwertgefühl (5) geborgen ist, das sich in der Religiosität (9) bewahrt. Ihre Erwartungen an das Leben bestehen darin, den Widerständen im Glauben zu begegnen. All dies ist nur für sie selbst von Bedeutung und zeigt ihre Lebensferne.

Wenn man den Lebensentwurf der „schönen Seele“ beurteilen möchte, dann fasziniert ihr Mut, Religion privat zu gestalten. Diese Privatheit führt zur Isolierung, zur Entfremdung vom sozialen Umfeld und schließlich vom eigenen Körper. Zurück bleibt die Seele.

 

Literatur:

  • Goethe, Johann Wolfgang von (1994): Werke Kommentare und Register. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band VII. Romane und Novellen II. Textkritisch durchgese hen und kommentiert von Erich Trunz. C. H. Beck Verlag, München. (Goethe, GW VII)
  • Bengel, Jürgen / Lyssenko, Lisa (2012): „Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter – Stand der Forschung zu psychologischen Schutz faktoren von Gesundheit im Erwachsenenalter“. In: Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung. Band 43. Köln: BZgA.

Abb.: Titelseite „Bekenntnisse einer schönen Seele

in: Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Bd. 3. Frankfurt (Main) u. a., 1795. (https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/goethe_lehrjahre03_1795/?p=213&hl=Bekenntni%C5%BF%C5%BFe).