Herbstmilch ist der autobiographische Lebensbericht der Bäuerin Anna Wimschneider (1919–1993) aus dem Jahr 1985.
Anna Wimschneider erzählt darin von ihrem schweren Leben als Bäuerin. Mit dem Tod ihrer Mutter endet die Kindheit der achtjährigen Anna Traunspurger. Sie muss den Haushalt für die neunköpfige Bauernfamilie führen. So erwarten sie harte körperliche Arbeit, Entbehrungen und Mühsal im damals noch äußerst harten Landleben. Später heiratet sie Albert Wimschneider und zieht auf den Hof von Alberts Familie, um dort ein Leben als Bäuerin zu führen. Doch Annas verbitterte und auch bösartige Schwiegermutter macht ihr das Leben mehr als schwer. Jahre der Demütigungen und Schikanen folgen. Gegen Kriegsende bekommt der heimkehrende Albert das alles mit und stellt sich auf die Seite seiner Frau gegen die eigene Mutter. Das Leben danach ist angenehmer, wenn auch nicht weniger schwierig. Das Buch wurde zu einem der größten Erfolge in der Geschichte des deutschen Buchhandels. Die Autobiographie war über drei Jahre in den Bestsellerlisten. Herbstmilch ist sauer gewordene Milch, die sich nicht mehr zum Verkauf eignet und daher von den Bauern selbst verzehrt wurde und ein wichtiges Lebensmittel darstellte.
Resilienz-Strategie
Die Kindheit von Anna Wimschneider war geprägt durch die Hoffnung auf Veränderung und durch positive Emotionen. Die ersten Jahre verliefen glücklich: „Die Eltern freuten sich an ihren Kindern“ (6); oder: „Wir Kinder hatten ein fröhliches Leben“ (5). Doch durch den frühen Tod der Mutter musste Anna die Hausarbeit alleine erledigen. Ihre Geschwister entschieden das so:
Und an anderer Stelle: „Da wir neun Personen waren, gab es viel Wäsche. Meine Hände waren ganz rot und blau gefroren. Und viel habe ich geweint“ (18). Immer wieder holt sie die Erinnerung an ihre Mutter und daran, dass diese sie durch ihren Tod alleine gelassen habe, ein:
Der alleinerziehende Vater wird als tüchtig, arbeitsam, zeitweilig cholerisch, aber auch als fürsorglich beschrieben. So hatte Anna einmal Ärger mit dem Pfarrer, der sie schlug. Ihr Vater ging dagegen vor und der Pfarrer musste Strafe bezahlen: „Ich war ihm dankbar, weil er mir geholfen hat. Er war immer ein guter Vater. Der Pfarrer war ein hartherziger Mann, der auch die anderen Kinder oft mit schweren Holzscheiten schlug, die zum Heizen des Ofens in der Schule lagen“ (44). Es gab aber auch überraschende Wendungen in dem tristen Alltag:
Bei der Hochzeit lernt Anna ihren zukünftigen Mann Albert kennen und lieben: „Uns war schade um jede Stunde, wir hatten uns soviel zu sagen, daß wir kein Auge zutaten. Auch Albert hatte eine armselige Kinderzeit hinter sich. Darum liebten wir uns um so mehr“ (55). 1939 heirateten sie. Sie zogen zusammen in die Heimat von Albert, der dann zum Kriegsdient eingezogen wurde. Das Leben für Anna war weiter geprägt durch eine Mischung aus Glück und Mühsal:
Als Albert das erste Mal wieder nach Hause kommt wird dabei die Ambivalenz von Anna’s Dasein deutlich: „Es war trotz aller Freude auch eine traurige Nacht, ich weinte und jammerte ihm alles vor. Ich hatte ja nur ihn. Er hat mich getröstet und fest versprochen, daß er bald heimkommen wird“ (82). Verleumdung durch die Schwiegermutter gehen Hand in Hand mit für sie schönen Momenten, beispielsweise als Albert ihr ein Kleid kauft (85f).
1941 wird die erste von drei Töchtern geboren. Anna hat immer noch einen schweren Stand auf dem Hof. Doch auch das änderte sich. Als Albert aus dem Krieg verwundet zurückkommt und langsam genesen kann, erfährt er, wie ungerecht Anna von seiner Mutter behandelt wird. Er hält zu Anna und fährt seine Mutter an, nachdem er ihre Gemeinheiten gegen Anna mitbekommen hatte:
1949 wurde die zweite Tochter geboren. Ein drittes Kind folgt. Das Leben geht nun seinen gewohnten Gang und bleibt durchzogen von zwei Extremen: „Bei uns im Dorf gab es viel Lustiges, manchmal auch Trauriges, und ich weiß heute noch Geschichten, die sich die Leute einander erzählten“ (121).
Als Fazit eines langen, erfüllten und bescheidenen Daseins, das durchzogen war von Freud und Leid kann folgender Satz gelten: „Wir haben es beide schwer gehabt, denn wir waren nichts und haben erst allmählich Anerkennung gefunden, weil wir unser Anwesen emporgebracht haben“ (146). Die Zeiten änderten sich. Ein gewisser Wohlstand stellte sich ein und doch bleiben die Arbeit und die Schicksalsschläge.
„Albert und ich sind beide glücklich und zufrieden wie nie in unserem Leben. Wir schauen zurück auf die vergangene Zeit, und oft habe ich in den letzten Jahren den Wunsch gehabt, meine Geschichte aufzuschreiben. Das habe ich nun getan“ (152). Dann aber ist der entscheidende Satz zu lesen, der bezeichnend ist für ihr Leben:
Viel stärker und offen formuliert das der unterdrückte, am Rand der Gesellschaft lebende Woyzeck in Georg Büchners gleichnamigem Drama. Er, der Not und Elend zur Genüge kennt und alles tut, um davon wegzukommen, muss resignierend feststellen: „Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. Ich glaub, wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.“
Das Leben als Bäuerin ist Herbstmilch. Dennoch hat sich Anna Wimschneider nicht unterkriegen lassen. Sie lebte ein Leben der Kompromisse und am Ende wird es ein Leben sein, auf das sie zurückschauen kann wie auf ein bestandenes Abenteuer.
Um ein solches Leben zu bestehen, braucht es positive Emotionen, auf die man zurückgreifen kann, wenn das innerlich und äußerlich Erlebte unerträglich wird. Damit einher geht es, die Ambivalenz des Lebens anzuerkennen. Das „regelmäßige Auftreten“ von positiven Emotionen und die Abgrenzung dadurch gegenüber negativen Emotionen schützen auch „angesichts kritischer Lebensereignisse und chronischer Stressoren“. Die Möglichkeit, sich auf die eigenen positiven Emotionen verlassen zu können, weil man weiß, dass sie „da“ sind, ist entscheidend.
Optimismus (2) genügt in diesem Kontext als Strategie ebenso wenig wie Hoffnung (3) oder Selbstwertgefühl (5). Diese flankieren eine solche Lebensstrategie, tragen sie jedoch nicht. Viel eher können Hardiness (8) und Coping (10) mit hinzukommen. Eine solche Verbindung vermag Aussichtslosigkeit zumindest in stoische Pflichterfüllung zu verwandeln getreu dem Motto: „Auf Regen folgt Sonnenschein“ usw. Dass dies keine „Allheimmittel“ darstellen, ist offensichtlich. Aber es entbirgt sich so eine Resilienz-Strategie, die auch in anderen Werken auffindbar ist. Damit weist das Buch weit über das Genre „Heimatroman“ hinaus.
Wimschneider, Anna: Herbstmilch. Lebenserinnerungen einer Bäuerin. München 1984. Piper Verlag. Abb. unten: Cover dieser Erstauflage im Piper Verlag.
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