Die Geschichten vom Herrn Keuner oder Herrn K. sind Parabeln von Bertolt Brecht. Sie entstanden über einen Zeitraum von 30 Jahren, von 1926 über seine Zeit im Exil bis zu seinem Tod 1956. Bislang werden dem Keuner-Komplex über 120 Geschichten zugeordnet.
Kohärenzgefühl findet sich auch in Bertolt Brechts Herr-Keuner-Geschichte „Maßnahmen gegen die Gewalt“.
Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte
sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt.
„Was sagtest du?“, fragte ihn die Gewalt.
„Ich sprach mich für die Gewalt aus“, antwortete Herr Keuner.
Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: „Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muss
länger leben als die Gewalt.“
Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:
In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher
ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten und auf dem stand, dass ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er
verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.
Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: „Wirst du mir
dienen?“
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er
für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: Das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der
Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.“
Bertolt Brecht und seinen Geschichten vom Herrn Keuner
Die Geschichten vom Herrn Keuner oder Herrn K. sind Parabeln. Eine Parabel (Vergleichung, Gleichnis, Gleichheit) ist eine gleichnishafte Darstellung von lehrhaften Inhalten in einer kurzen Erzählung. Dazu gehören Fragen der Moral, der Ethik oder/und des Lebens. Die Parabel hilft durch ihre Übertragung in einen anderen Vorstellungsbereich, Probleme oder Alltägliches begreifbar zu machen. Die Parabel soll zum Nachdenken anregen und Erkenntnis vermitteln. Dazu Gero von Wilpert:
Die Herr Keuner oder Herr K.-Geschichten sind über eine Zeitraum von 30 Jahren (1926 bis 1956) entstanden und umfassen ca. 120 Texte. Dazu Ulrich Kittstein:
Was ist mit Herrn Keuner oder Herrn K. gemeint? – Walter Benjamin schreibt über die Herkunft des Namens Keuner, dass dieser sich ableiten lasse von „Keiner“, denn in Augsburg wird keiner als koiner ausgesprochen. Damit wäre die eigenschaftslose Figur des Herrn Keuner von einer anderen Seite aus bestätigt. Anders gesagt:
Resilienzstrategie
Ein Kohärenzgefühl findet sich in der Herr-Keuner-Geschichte Maßnahmen gegen die Gewalt. Zur Orientierung eine repräsentative Stellungnahme der Literaturwissenschaft zu dieser Problematik, Maßnahmen durch Nicht-Maßnahmen zu initiieren.
Frank Thomsen et al. sprechen dabei vom „Motiv der stillen Subversion“, das in einen „inneren Widerstand“ mündet (Thomsen, Frank et.al., 311).
Brecht konstruiert einen Fall der Ausweglosigkeit an dem man verzweifeln kann. Es gibt keine Lösung. Sich für die Gewalt auszusprechen, bedeutet der Gewalt zu erliegen; sich gegen die Gewalt auszusprechen bedeutet das nämliche, die drohende Zerstörung des Lebens durch die Gewalt. Wir haben es auch nicht mit einem klassischen Konflikt zu tun, sondern mit einer Ausweglosigkeit, die aber zumindest einen Verbündeten hat: die Zeit.
Die Zeit ist es, die am Ende den Gewalttätigen zur Strecke bringen wird. Ob dabei derjenige, der bedient, alterslos bleibt und damit die Gewalt überlebt, sei als These formuliert, aber als Möglichkeit relativiert, denn wenn der eine altert, altert auch der andere. Doch zumindest eine Lebensorientierung ist möglich, die besagt, dass zur eigenen Gesunderhaltung gewisse Aspekte hingenommen werden müssen.
Gleichzeitig bildet sich Herr Keuner ein, dass er das Paradoxe der Situation versteht, weil er überleben muss. Es nützt in der Tat nichts, wenn er ein gebrochenes Rückgrat hat und sich nicht mehr bewegen kann. Andererseits ist ein angenommenes „gebrochenes Rückgrat“ – Erniedrigung, Demütigung, Ausweglosigkeit – zumindest ähnlich belastend. Die Ethik hat dafür keine einheitliche Position mehr, sondern überlässt dies dem Einzelnen in Sinne von „Einzelfallentscheidungen“.
In der Tat aber meint Herr Keuner die Situation zu verstehen und die Anforderungen des Lebens strukturieren. Er dient, ohne das Dienen bestätigt zu haben, eben weil er die Frage des Agenten, ob er ihm diene, unbeantwortet lässt. Er meint, länger durchhalten zu können kann als der andere, verfügt also über „genügend Ressourcen“. Wohl auch deshalb, weil er sich bewegt, während die „Macht“ unbeweglich bleibt und immer träger wird, um dann zu erstarren. Zudem macht das Verhalten des Herrn Keuner, sich einmal gegen die Gewalt und im Angesicht derselben für die Gewalt auszusprechen, Sinn. Herr Keuner wird erfolgreich sein. Er wird die Situation bewältigen können. Welche Resilienz-Strategie kann daraus abgeleitet werden?
Zuerst, dass es keine ethisch-moralisch verbindliche Antwort auf dieses komplexe Problem geben kann. Dann, dass die eigene Gesundheit auf einer gewissen Anpassungsfähigkeit beruht, die zudem variiert eingesetzt werden kann und muss, um zu überleben. Es genügt nicht, sich für die Gesundung zu entscheiden und die Situation gleichsam zu unterlaufen. Es gibt hierfür keinen „doppelten Boden“, sondern nur das Jetzt und Hier, das zählt.
Und zum Dritten vermag niemand über Herrn Keuner zu urteilen, weil er letztlich als Überlebender gewaltlos weiter existieren kann. Entweder für immer oder bis zur nächsten Herausforderung. Wesentlich bleibt, dass bewusst wird, dass Gewalt in sich implodiert, weil sie erstarrt. Dem Erstarren, in dem die Gewalt verfällt, wird durch eine permanente Bewegung – hier abgebildet im Prozess des Dienens – entgegengewirkt.
Weitere mögliche Resilienzfaktoren:
Positive Emotionen (1)
Optimismus (2)
Hoffnung (3)
Selbstwirksamkeitserwartung (4)
Selbstwertgefühl (5)
Kontrollüberzeugungen (6)
Hardiness (8)
Coping (10)
Zeittafel zu Leben und Werk von Bertolt Brecht (Auswahl):
1898 Am 10. Februar wird Eugen Berthold Friedrich Brecht in Augsburg geboren
1917 immatrikulierte er sich an der Philosophischen Fakultät der Universität München
1926 Beginn des Studiums marxistischer Literatur
1928 Die Dreigroschenoper
1929 Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
1930 Der Jasager
1931 Der Neinsager; Die heilige Johanna der Schlachthöfe
1933 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlässt Brecht Deutschland. In Dänemark erwirbt er ein Haus
1940 Flucht nach Schweden dann nach Finnland. Herr Puntila und sein Knecht Matti
1941 Der gute Mensch von Sezuan
1943 Erste Reise nach New York seit 1935
1944 Der kaukasische Kreidekreis
1947 30. Oktober: Verhör vor dem Untersuchungsausschuss für „unamerikanische Aktivitäten“in Washington. Paris, Weiterreise nach Zürich
1949 Kalendergeschichten. Übersiedlung nach Berlin
1950 Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in (Ost-)Berlin. Österreichische Staatsbürgerschaft erhalten.
1951 Brecht erhält den Nationalpreis 1. Klasse der DDR.
1955 Verleihung des Stalin-Preises in Moskau.
1956 Am 14. August stirbt Bertolt Brecht in Ost-Berlin
Literatur:
Abb.: Cover der aktuellen Auflage:
Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 2024.
Der Verlag ist der Verfassung, der Demokratie und dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verbunden.
