Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran ist eine Erzählung von Eric-Emmanuel Schmitt aus dem Jahr 2001.
Der zwölfjährige jüdische Junge Moses lebt allein mit seinem Vater. Seine Mutter hat beide verlassen. Der Vater ist als Anwalt beruflich stark eingespannt und Moses erledigt die Hausarbeit. Er kauft täglich bei Monsieur Ibrahim, einem Araber, in der Pariser Rue Bleue ein. Monsieur Ibrahim wird langsam zu seiner Bezugsperson. Ibrahim, der Moses Momo nennt, kümmert sich um ihn auch nach dem Selbstmord seines Vaters. Als seine Mutter überraschend zurückkommt, hält Momo konsequent an seinem Namen Momo fest. Mutter und Sohn nähern sich im Laufe der Handlung langsam wieder an.
Zwischenzeitlich hat Monsieur Ibrahim Momo adoptiert und bricht mit ihm zu einer Reise in seine Heimat auf. Auf dem Weg zu Ibrahims Herkunftsort im „Goldenen Halbmond“ weiht er Momo in die Geheimnisse des Lebens ein. Momo wird seinen inneren Frieden finden und ihn auch mit seiner Mutter schließen. Monsieur Ibrahim erweist sich dabei als Vater und Lehrer, als Weiser und Mystiker, ohne aufdringlich oder belehrend zu sein. Er führt Momo in die Welt des Sufismus und die tanzende Kontemplation der Derwische ein.
Ibrahims ganzes Wesen ist geprägt von einem tiefen Glauben an den Koran und stillem Optimismus, dass alles sich finden wird. Nach einem Autounfall, bei dem Ibrahim stirbt, kehrt Momo nach Paris zurück und übernimmt dessen Ladengeschäft. Er tritt damit die Nachfolge Ibrahims an, des Arabers, was in dieser Branche des Ladengeschäfts bedeutet: „nachts und auch am Sonntag geöffnet“ (101).
Zitate
Gold braucht keinen Stein des Weisen, aber das Kupfer, ja. Veredele dich.
Was lebt, laß sterben: Es ist dein Körper.
Was tot ist, erwecke: Es ist dein Herz.
Was anwesend ist, verstecke: Es ist das Diesseits.
Was abwesend ist, laß kommen: Es ist das Jenseits.
Was existiert, vernichte: Es ist die Begierde.
Was nicht existiert, erzeuge: Es ist das Sehnen. (96)
Resilienz-Strategie
Momo ist Jude. Ibrahim ist Moslem. Beide Religionen gehen hier nicht aufeinander zu. Sie treffen sich weder in der Mitte, noch gibt es Kompromisse oder Reden über
Gleiches und/oder Trennendes. Dass Momo am Ende „Araber“ wird, bedeutet nicht, dass er kein Jude mehr ist. Es ist eher der Respekt vor der Lebensart seines Mentors, welcher ihm Frieden und innere
Zuversicht lehrte.
Ibrahims Leben ist eine unerschütterlicher Quelle des Optimismus. Leben meint anwesend und für andere da zu sein. Ibrahim – und später Momo – leben ein soziales
Leben, wofür der Laden steht.
Ibrahim ist mit dem zufrieden, was er hat, und bewältigt das, was auf ihn zukommt mit dem Glauben, dass alles Sinn macht und lösbar ist, ohne dabei beherrscht oder
manipuliert werden zu müssen. Das Leben ist wie der Tod ein sich verbinden mit dem Unendlichen. Nicht von ungefähr tröstet Ibrahim seinen Schützling Momo noch im Angesicht des Todes „Doch, ich
bin angekommen. Alle Arme des einen Flusses münden im gleichen Meer. Im einzigen Meer“ (93).
Und genauer sagt er es mit seinen letzten Worten:
Hier im Alltag ist der Alltag das, was er wortwörtlich ist: alles. Jeder Tag ist jeder Tag, aber ohne dass ein Tag dem anderen gleicht. Die Aufgabe, die das Leben stellt, ist eine alchemische: die Wandlung ohne den Stein der Weisen, denn dieser verkörpert – zumindest für Rumi (vgl. dazu: S. 96) – ein Ziel.
Aber jedes Ziel schränkt ein. Der Vers von Rumi, der im Buch ausführlich zitiert wird, empfiehlt das Kupfer als Ausgangspunkt zu nehmen, was bedeutet, den Stein der Weisen abzulehnen. Zwar ist Gold das Ziel der Alchemie und damit des Steins der Weisen, hier ist es aber irrelevant. Kupfer ist wichtiger, weil Kupfer symbolisch für die Liebe steht, eine Liebe, die umfassend sein soll.
Als Anmerkung:
Die Alchemie gilt nicht nur als Aberglaube, um aus unedlen Metallen Gold zu machen, sondern auch als Kunst, Unedles in Edles zu verwandeln. Das Edle ist das Gold. Doch da Gold ein Ziel darstellt, muss dieser Prozess so genutzt werden, dass er immerwährend dauert. Ein Ziel im Angesicht der Unendlichkeit ist ein Widerspruch in sich. Sicherlich kann der alchemische Prozess ebenso im Sinne Rumis gedeutet werden, doch ist das nicht die Intention dieses Buches.
Optimismus im Angesicht der Unendlichkeit des Alltags ist eine notwendige Eigenschaft, die über Herrschaft und Lebensmeisterung hinausgeht. Optimismus meint, aus seinem inneren Frieden heraus zu handeln und dem Leben aufgeschlossen gegenüberzustehen. Um diese innere und äußere Gelassenheit anzustreben, bedarf es eines Mediums: seien es Religion, Mediation, Gebete, „Heilige Schriften“ usw. ... oder das Vertrauen in die bewusste Annahme der alltäglichen Dinge und deren Verrichtung, sprich: des All-Tags.
Optimisten werden geboren, aber sie können auch aus sich heraus erschaffen werden.
Das „aktivere Bewältigungsverhalten“ des Optimismus ist eine Resilienz-Strategie, die auf positive Konsequenzen abzielt. Auch ein Ladengeschäft lebt nicht von Glaube und Hoffnung, sondern von Geld und Kunden. Auch Monsieur Ibrahim möchte erreichen, dass es ihm und seiner Umgebung gut geht. Sein Geheimnis liegt darin, sich aus diesem Wesensgrund dem Leben anzunähern. Der Duft der Blumen des Korans, den diese verströmen, geben dabei die Richtung vor.
Ausblick
Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran gehört in einen Bereich, der als Ratgeberliteratur im weitesten Sinne angesehen werden kann. Hierzu können weiter Werke gerechnet werden wie:
Richard Bach: Die Möwe Jonathan (1970) [verfilmt]
Jean Giono: Der Mann mit den Bäumen (1985)
Heinz Körner: Johannes. (1978)
Susanna Tamaro: Geh, wohin dein Herz dich trägt (1995)
Fyn: Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna (1978)
Carlos Castaneda: Die Lehren des Don Juan. Ein Yaqui-Weg des Wissens (1973)
Lobsang Rampa [Cyril Henry Hoskin]: Das dritte Auge, Ein tibetanischer Lama erzählt sein Leben (1957)
James Hilton: Irgendwo in Tibet [Lost Horizon] (1933/1937) [verfilmt: In den Fesseln von Shangri-La, 1937]
Im Prinzip ist es gleichgültig, ob Möwen, Bäume, ein Kind, eine alte Frau oder ein Weiser im Mittelpunkt des Buches stehen. Ebenfalls ist es ohne Belang, ob wir es mit indischen, jüdischen, islamischen, esoterischen, mystischen, indianischen oder tibetischen Gedanken zu tun haben. Ihnen gemeinsam ist ein Optimismus, der auf einer bewussten Einordnung (nicht Unterordnung) oder zumindest Ausrichtung in bzw. auf eine Möglichkeit beruht, sein Leben erfüllter zu gestalten.
Reflexion und Kritikfähigkeit sind notwendig, aber auch die Möglichkeit, diese in ihre Schranken zu weisen. Nicht immer muss ein Hund bellen, um seine Anwesenheit unter Beweis zu stellen. Wie dies zu bewerten ist, muss jedem selbst überlassen werden.
Dass Erfolg nicht gleichzeitig Anerkennung durch Fachleute (Rezensenten, Wissenschaftler, Forschende usw.) meint, zeigt das Buch Johannes, dass sich über 1 Million verkauft hat und damit ein breites Leserinteresse widerspiegelt. Im Wikipediaeintrag heißt es dazu: „Rezensionen bzw. Literaturkritiken dazu in namhaften Zeitungen o. ä. sind nicht bekannt.“ – Optimismus angesichts von Ignoranz ist auch eine Möglichkeit, sich zu behaupten.
Literatur:
Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran. Zürich: Ammann Verlag, 2003.
Abb.: Coverabbildung der deutschen Erstübersetzung von 2003 als Lizenzausgabe im Ammann Verlags.
Der Verlag ist der Verfassung, der Demokratie und dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verbunden.
