Der Gesang der Flusskrebse erzählt die Geschichte des „Marschmädchens“ Kya von 1952 bis 2009. Das Buch von Delia Owens erschien 2020.
Die Sechsjährige Kya lebt mit vier Geschwistern und ihren Eltern in einer Hütte in den Marschgebieten (Great Dismal Swamp) von North Carolina. Ihr Vater ist Alkoholiker und gewalttätig, Nach und nach verlassen ihre Geschwister und ihre Mutter den Ort. Zurück bleibt Kya allein mit ihrem Vater. Dieser bezieht eine Versehrtenrente aus dem 2. Weltkrieg, was ein geringes, aber regelmäßiges Einkommen garantiert. Beide lernen, miteinander zu leben. Ihr Vater bringt ihr einiges über die Marsch bei, ehe auch er sie verlässt.
Kya wird „Marschmädchen“ genannt und von den Menschen der Umgebung gemieden. Einzig in dieser Landschaft findet sie Zuflucht und Geborgenheit. Ihre Lebenserfahrung basiert auf den Gesetzen der Marsch.
In Jumpin, einem schwarzen Händler, bei dem sie u. a. Sprit für das Motorboot einkauft, und dessen Frau Mabel erfährt sie Hilfe für die Bewältigung ihres Alltags. Jumpin kauft ihr Muscheln und Fisch ab, so dass sie eine Einnahmequelle hat.
Kya freundet sich mit Tate an, dem Sohn eines Krabbenfischers. Er bringt ihr Lesen bei, leiht ihr Bücher und vermittelt ihr Bildung. Tate und Kya kommen sich näher aber Tate verlässt sie, um Biologie zu studieren. Er hält sein Versprechen nicht ein, Kya zu besuchen. Kya beginnt eine Beziehung mit Chase, einem Frauenhelden und illustrerem Mittelpunkt der Gemeinde. Chase verspricht ihr die Ehe, heiratet je doch ein anderes Mädchen.
Kya legt eine umfangreiche Sammlung all dessen an, was sie findet, fertigt talentiert Zeichnungen und entwickelt sich im Laufe der Jahre zu einer Expertin für die Marsch. Tate arbeitet nach seinem Studium in einem biologischen Forschungszentrum am Rande des Sumpfgebiets und ermuntert Kya, ihre Forschungen zur Marsch zu veröffentlichen. Er vermittelt ihr einen Verlag. Die Bücher werden veröffentlicht und garantieren Kya ein regelmäßiges Einkommen.
Im Oktober 1969 wird Chase tot aufgefunden. Kya wird verdächtigt, doch in einem Geschworenenprozess freigesprochen. Eine Rolle spielt dabei eine Muschelhalsband, das Chase immer trug, als er aber tot aufgefunden wurde, fehlte es. Das war ein Geschenk von Kya.
Kya und Tate leben zusammen bis Kya im Jahre 2009 stirbt. Im Nachlass versteckt findet Tate das Muschelhalsband.
Zitate
Ich muss sagen, ich bin froh, dass es vorbei ist. /
Am Ende empfand ich nur noch Mitleid /
Mit diesem Drang hin zu noch mehr Leben. /
... Adieu. (149)
Weitere Resilienz-Faktoren, die für den Roman tragend sind
Positive Emotionen (1)
Optimismus (2)
Hoffnung (3)
Selbstwertgefühl (5)
Kontrollüberzeugungen (6)
Kohärenzgefühl (7)
Hardiness (8)
Coping (10)
Resilienzstrategie
Ein kleines Mädchen, allein gelassen von der eigenen Mutter und ihren Brüdern und Schwestern, um mit ihrem alkoholabhängigen Vater in einem Sumpfgebiet zu leben, bedarf einer gewissen Kraft und vor allem eines: Optimismus gepaart mit der Erwartungshaltung an sich, diese Situation zu meistern. Solche Zuversicht muss von einem unerschütterlichen Zutrauen in die Zukunft flankiert sein, selbst dann, wenn diese positiven Gefühle überlagert werden von Angst und Hoffnungslosigkeit. Ein Ausweg bietet sich, doch warum?
Die Marsch hat ihre eigenen Gesetze. Eine ethische oder moralische Instanz gibt es nicht. Die Marsch hat immer recht. Es gilt sich ihr anzupassen. Nicht umgekehrt. Das kann dazu führen, dass die Umgebung als Schutzraum angesehen wird, der trotz der Gefahren Ruhe und Geborgenheit, Schönheit und Überraschung bietet.
Die Erfordernisse des Alltags und der Umgang mit anderen Menschen bleiben dennoch eingeschränkt, sonst wäre Leben in einer solchen Umgebung nicht möglich. Das bedarf des Ausgleichs für Eigenständigkeit, Flucht und bewusste Ausgrenzung der sozialen Realität sowie eines hohen Maßes an Vertrauen in die eigenen selbstregulierenden Fähigkeiten. Sobald ich in der Lage bin, die eigene Persönlichkeit, das eigene Leben und die damit zusammenhängenden Faktoren nicht nur anzunehmen, sondern auch in ihrer Eigenart anzuerkennen, gelingt es mir, eine positive Grundhaltung zur Lösung der alltäglichen Probleme einzunehmen. Diese Positivität kann durchaus destruktiv überlagert werden, wohl aber muss Krise überwunden werden können. Destruktivität oder introvertierte Ausblendung des Alltags gehören nicht zur Intention des Romans. Vielmehr stellt sich Kya den Herausforderungen und kann sogar auf sich allein gestellt überleben und zugleich eine positive (1), optimistische (2) Grundhaltung ausprägen.
Kya obliegt es nicht, ein hohes Selbstwertgefühl (5) auszubilden. Aber sie weiß, was sie wert ist und welche Entscheidungen zu treffen sind (Selbstwirksamkeitserwartung). Sie weiß, was sie will und was nicht. Selbst als sie von Chase verführt wird, ist es ihre Entscheidung, dieser Verführung nachzugeben. Sie hat eine gewisse Kontrolle (5) über das Geschehen, lässt sich aber auch kontrollieren. Die Marsch bildet hierbei die Matrix, auf der sich Resilienzfaktoren ausbilden. Die Gesetze der Biologie sind ihr Wegweiser. Die Strategie ist es, eine gewissen eingeschränkte Copingsstruktur (10) aufzubauen, die mit Hardiness (8) harmoniert.
Ihr Schicksal als Kind ist prägend für ihr weiteres Leben. Ihre fehlende Mutterbeziehung hinterlässt eine tiefe emotionale Trauer ebenso die Flucht der Brüder und Schwestern. Aber die Konstante ist und bleibt die Marsch. Aus ihr gewinnt sie ihre Strategie. Vorbilder sind das Verhalten der Pflanzen und Tiere, aus dem sie eine Lebensanleitung ableitet. Zuerst unbewusst, doch dann mehr und mehr als symbolische Lebenserfahrung. Heirat ist nicht als Akt der Vermählung präsent, sondern findet sein Vorbild in dem Verhalten der Graugänse, die ein Leben lang zusammenbleiben. Sogar die Ermordung von Chase basiert auf biologischen Gesetzmäßigkeiten zur Erhaltung der Art und des Gleichgewichts, ohne dass dadurch eine solche Tat zu rechtfertigen wäre, denn der biologischen Ethik der Marsch steht die menschliche Ethik nicht gegenüber, sondern muss diese überragen.
Jedes Geschöpf, jede Pflanze lebt in der Marsch, ohne dass es andere versklavt oder unterdrückt. Hindernisse bieten sich dann, wenn gegen dieses Gesetz der natürlichen Auslese verstoßen wird und der Mensch eingreift, um seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. Die Ermordung von Chase gründet auf der kindlichen Traumatisierung (Gewalt, Verlassenwerden, Instrumentalisierung, Unterdrückung). Aber auch auf dem Verstoß gegen die Biologie des Lebendigen. Chase erhebt sich gegen die Marsch personifiziert durch Kya. Das Verbrechen geschieht nicht aus Rache, sondern, weil Feinde nie aufhören werden, Feinde zu sein. Sie müssen – so die Marsch – getötet werden, um ein angenommenes, imaginäres oder natürliches Gleichgewicht wieder herzustellen.
Die Brechung dieser Regel ist die Übertretung der Grenze des anderen gepaart mit der Ignoranz des Gesetzes der Marsch, das auf Respekt, Frieden und Gleichgewicht beruht. Um ein Gleichgewicht wieder herzustellen, um sich selbst zu schützen, nützt die Natur den Weg der Gewalt. Ihre Strafe ist eine punktgenaue, keine affektive oder unüberlegte spontane Reaktion. Der Tod ist Teil der Marsch. Gewalt ist Teil dieser natürlichen Ordnung im Sinne des Schutzes und der damit einhergehenden Wiederherstellung des Gleichgewichts. So gesehen kann ein Gericht nicht für Kya zuständig sein – weil sie sich den Gesetzen der Marsch verpflichtet führt – und ist es doch, weil sie ein menschliches, soziales Wesen ist.
Es geht um den Bauplan der Biologie, der wiederum auf den Beobachtungen von Natur beruht. Dieser Bauplan ist die Rechtfertigung für die Tat. Ein solcher biologischer Bauplan mag zwar eine gewisse Sicherheit und Ruhe geben, muss aber auch überwunden werden.
Kya nutzt eine problemorientierte Bewältigungsstrategie, um Hindernissen und Rückschlägen zu begegnen. Ihre Basis ist das Vertrauen in die eigenen Selbstregulationsfähigkeiten.
Weitere Literatur zum Thema Selbstwirksamkeitserwartung:
Quelle: Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. München 2020. Hanser Verlag.
Der Verlag ist der Verfassung, der Demokratie und dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verbunden.
